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Der Abbruch des Verkehrsversuchs aus Sicht einer Anwohnerin

Gastbeitrag vom 13.03.2023


Heute war ein trauriger Tag für Mannheim und für die Demokratie. Für mich wäre es beinahe mein letzter gewesen, weil ich um Haaresbreite von einem Auto umgefahren wurde. Das Auto kam aus dem aktuell immernoch abgesperrten Teil der Fressgasse gerast. Nach Ansprache des Fahrers wurde ich in einem hämischen Ton darauf hingewiesen, dass der Verkehrsversuch ja beendet sei und er fahren könne, wo er wolle. Ich sollte doch gefälligst meine Klappe halten, wenn ich keine Ahnung hätte. De facto ist der verkehrssichere Rückbau noch nicht abgeschlossen und die Schranke noch geschlossen.

Absperrung recht, Absperrung links, Radweg aufgezeichnet dazwischen, Straße gut querbar, Autofahrer überholt Radfahrerin rechts und schneidet ihr den Weg ab
Beginn des Verkehrsversuchs, Mai 2022, C1/ D1 Richtung Stadthaus N1, Bildquelle: QEM

Diese Situation beschreibt für mich gut, welche Stimmung sich in den letzten 12 Monaten aufgebaut hat. Ich spreche vom Verkehrsversuch in der Mannheimer Innenstadt, der offiziell am 11.03.2022 begann, aber erst im Mai 2022 komplett fertiggestellt wurde und am 13.03.2023 vorzeitig durch eine undemokratische Entscheidung in Hinterzimmern des Rathauses auf Kosten der Anwohner rückgängig gemacht worden ist.


Seit Beginn der Sperrung hat sich für mich eine neue Lebensqualität eingestellt. Als direkte Anwohnerin am Verkehrsversuch bin ich von der Sperrung betroffen. Auf einmal konnte ich an ruhigen Tagen auch mal mit offenem Fenster arbeiten, Vögel zwitschern hören und morgens frische Luft anstatt Abgase zum Fenster reinlassen. Die Ohrenstöpsel, die ich seit 3 Jahren nachts brauche, muss ich zwar immernoch benutzen, weil die Poser in der Marktstraße laut genug sind, aber immerhin waren die Phasen des Durchschlafens länger, die chronischen Schlafbeschwerden gingen langsam zurück. Am Wochenende sah man Kinder im verkehrsberuhigten Bereich spielen, die Bänke wurden intensiv von vielen Leuten zur Mittagspause oder zum kurzen Ausruhen genutzt. Die Fahrradkuriere entdeckten die Tische als neue Schlafmöglichkeiten für einen kurzen Power-Nap. Der Dönerladen direkt hinter der Schranke konnte nun auch draußen Sitzplätze anbieten und hatte sichtbar für mehr Kunden Platz.

Im Laufe des Verkehrsversuchs bot sich ein wahrliches Schauspiel: Autofahrer*innen stoppten, stiegen aus und schoben die zuerst provisorischen Absperrungen weg, um weiter durch die Marktstraße in der neuen „Fahrradstraße“ fahren zu können. Lautes Quietschen war auf die Autos zurückzuführen, die auf den Absperrungen zum Schutz der Fahrradfahrer*innen parkten. Der Lieferdienst eines Ladenbetreibers lieferte sich regelmäßig Schlagabtausche mit Fahrradfahrer*innen, die fast von ihm gerammt wurden, weil er den Fahrradweg als Parkplatz verwendete. Eine Freundin, die zu Besuch war, bezeichnete nach einem Tag in Mannheim das Fahrradfahren in der Mannheimer Innenstadt als lebensgefährlich.


Radfahrerin in Gefahr - in der Halteverbotzone links öffnet ein LKW-Beifahrer die Tür, rechts von der Radfahrer*in eine Autoschlange, die sich durch die eigentlich verkehrsberuhigte Zone drängelt.
Beginn des Verkehrsversuchs, Mai 2022, C1/ D1 Richtung Stadthaus N1, Bildquelle: QEM

Die Idee der Verkehrsberuhigung die viele Bürger*innen in der Hoffnung an eine langfristige Aufwertung der Aufenthalts- und Lebensqualität in der Innenstadt untersützt haben, scheiterte an ihrer Umsetzung. Und für das, was die Stadt im Vorfeld angekündigt hatte, war es einfach nur ein Witz, dass trotz der vielen Hinweise, Anrufe, Emails und Beweisfotos von Anwohner*innen nicht nachgebessert wurde. Alle sogenannten Nachbesserungen führten nur dazu, dass die Ausweichmanöver der Autofahrer*innen noch verrückter und absurder wurden. Erst nach der dauerhaften Installation von Absperrungen in der Kunststraße konnten diese Manöver einigermaßen eingeschränkt werden, in der Marktstraße aber kaum.


Straßensperre auf rechter und linker Seite der Straße, auf den Gehweg gezogen, PKW kann passieren, Bildquelle: QEM
Straßensperre zwischen E1/ E2, die auf den Geh- und Radweg gezogen wurde, Mai 2022; Bildquelle: QEM

Für mich bedeutet das Wort „Versuch“, dass man Dinge ausprobiert und mutig an Sachen herangeht. Dass man auch bereit ist, Fehler einzugestehen und konsequent nachbessert, um langfristig und unter fairen Bedingungen Verbesserungen zu platzieren. So kann die Gewöhnung an eine neue Situation erleichtert werden. Dass man das Ganze wissenschaftlich begleitet und alle beteiligten Gruppen miteinbezieht, egal wie viel Geld und Wahlstimmen auf dem Spiel stehen, hatte ich erwartet.

Während viele Städte auf der ganzen Welt mutig vorangehen, versteckt sich Mannheim hinter konservativen und sturen Einzelhändlern, die mit unlogischen, falschen und aus der Luft gegriffenen Argumenten versuchen, ihre Meinung mit aller Gewalt durchzusetzen. Liebe Einzelhändler: die Folgen der Pandemie, sowie des Online-Handels sind natürlich schlimm, aber das heißt noch lange nicht, dass man das auf eine Sperrung schieben kann, die keinerlei Einschränkungen hervorruft, wenn trotzdem alle Parkhäuser gut fußläufig erreichbar sind.


Die Stadt Mannheim sollte Ideen und Konzepte wählen, die für Anwohner*innen, Besucher*innen und den Einzelhandel das Bestmögliche bieten. Wir als Anwohner*innen wurden weder gehört noch einbezogen, obwohl wir kontinuierlich den Kontakt gesucht haben. Ich habe Herrn Eisenhauer vor langer Zeit eingeladen, auch nur mal einen Tag bei uns in der Wohnung zu verbringen, um den Lärm, die schlechte Luftqualität und die damit verbundene physische Belastung zu erleben und nachvollziehen zu können. Doch es passiert nichts. Ich habe auch Videos von grundlosen Hupkonzerten und Autokorsos an Samstagabenden geschickt. All das wird nun wieder zurückkommen.


In diesem Zusammenhang macht es mich wütend, dass für die nachhaltigste BUGA aller Zeiten geworben wird [1]. Die Zeit der BUGA zu nutzen, um den Besucher*innen auch eine klimafreundliche Innenstadt anbieten zu können, mit dem Verkehrsversuch und einem vorab eingerichteten Parkleitsystem, diese Chance scheint die Stadtverwaltung verpasst zu haben.


Um es kurz zu machen: Stadt Mannheim, es reicht! Wir Anwohner wollen endlich unsere Wertschätzung und Recht auf Lebensqualität.

Es reicht!


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[1] https://buga23.de/beste-aussichten

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